„Ich habe im Kopf berechnet, wie lange wir noch überleben“

Im Sternenstädtchen bei Moskau werden aus Kampfpiloten und Wissenschaftlern Astronauten und Kosmonauten. Und sie werden zu Helden. Auch wenn sie sich zunehmend dagegen wehren – das diktiert der Ort und die Tradition. Ein Besuch bei Alexander Gerst und seinen russischen Kollegen – von Eva Wolfangel

1. Notfall in der „Sojus“-Kapsel

Kurz vor der rettenden Station versagt die Automatik. Die Internationale Raumstation ISS ist nur noch einen Sprint entfernt. Auf der Erde würde Alexander Gerst die Strecke in wenigen Sekunden zurücklegen. Aber hier in der Sojus trennen ihn nur wenige Kubikmeter Luft und eine dünne Schicht aus Aluminium von der lebensfeindlichen Umgebung des Weltalls. Jetzt darf nichts schiefgehen. Bis hierhin ist der Flug von der Erde zur Raumstation ohne Probleme verlaufen, aber jetzt, auf den letzten schwierigsten Metern lässt die Automatik Gerst und seinen russischen Kollegen Anton Schkaplerow im Stich. Die beiden Raumfahrer schalten auf eine andere Automatik um: die in ihrem Kopf. Unzählige Male haben sie diese Situation geübt, damit sie in einem Fall wie diesem wie Roboter handeln. Sie steuern das Raumschiff von Hand. Gerst schaut durch ein Fernglas und richtet das Lasermessgerät auf einen festen Punkt an der Raumstation. „200 Meter“, sagt er. Schkaplerow sagt: „Und jetzt?“, „200 Meter“ „Jetzt?“ „200 Meter“. So geht das lange drei Minuten. Schkaplerow steuert das Raumschiff, Gerst misst. Nichts bewegt sich. Dann: „195 Meter“. 190. 190. 190. „Wiederhole alle 20 Sekunden“, befiehlt Schkaplerow. Gerst tut das. Minutenlang. 180, 180. 180. 175. Der Kosmonaut fliegt bewusst langsam. In dieser Nähe ist die Gefahr groß, die Station zu rammen. Mit lebensgefährlichen Folgen sowohl für die Raumfahrer in der Kapsel als auch für die Crew an Bord der ISS.

175.

174.

170.

Dann eine Stimme aus dem Off. „Okay, nächstes Szenario.“ Die „Sojus“-Kapsel fliegt nicht im Weltraum, sie steht in einer großen Halle bei Moskau. Daneben drei Tische mit Monitoren, davor die Männer, die sich den Notfall ausgedacht haben: Trainer der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Der Notfall hat sich echt angefühlt. Aber er ist nur simuliert. Wir sind nicht im Weltraum, wir sind in Star City.

Hier im Sternenstädtchen nehmen derzeit alle westlichen bemannten Missionen ins All ihren Anfang. Und im Gegensatz zur nur sechsstündigen Reise von der Erde auf die Internationale Raumstation ISS dauert diese Vorbereitung hier Jahre. In dieser Zeit verändern sich die Menschen. Aus Piloten, Militärpiloten und Wissenschaftlern werden Astronauten und Kosmonauten. Und sie werden zu Helden — noch bevor sie gestartet sind. Zumindest in den Augen ihres Umfelds. Hier sprechen alle nur von „Helden“ — schließlich setzen sie sich einer großen Gefahr aus, so die Argumentation. Diese Gefahr ist hier allgegenwärtig. Jeder Notfall, der im Weltraum geschehen könnte, jede Eventualität wird hier durchgespielt. Unzählige Male.

Dieses ganze Üben! „Manche Astronauten nennen das hier Spacecamp“, sagt Alexander Gerst und grinst. Er lehnt an einer Wand mit unzähligen Schaltern und Knöpfen im russischen Modul der ISS. Genau genommen in dessen Zwilling in Star City. Die Modelle seien so original wie möglich nachgebaut, damit sich die Raumfahrer wie zu Hause fühlen, wenn es dann wirklich losgeht. „Man vergisst manchmal, dass man bald eine echte Rakete mit 300 Tonnen Treibstoff unter sich haben wird.“ Dann wird auf einmal aus diesem Spiel Ernst. Diese Rakete kann gefährlich sein. Nicht nur, wenn die Automatik ausfällt. Beim Start geschehen die meisten Unfälle — und auf dem Heimweg zur Erde: beim Wiedereintritt in die Atmosphäre.

Hat er keine Angst? Alexander Gerst schaut, als könne er diese Frage nicht mehr hören. „Viele fragen mich das, aber nein, bei meinem letzten Flug hatte ich zwar großen Respekt, aber keine Angst .“ Gut, vielleicht wenn er unvorbereitet wäre. Er hat für Angst eine sehr rationale Erklärung: Sie entstehe, wenn man auf eine Situation nicht vorbereitet sei und die Kontrolle darüber verliere. „Wir spielen die schlimmsten Fälle zig bis Hunderte Male durch, um die Wahrscheinlichkeit eines Kontrollverlusts zu minimieren.“

Dafür verbringt er viel Zeit in dieser abgeriegelten kleinen Stadt bei Moskau, die es seit den Sechzigerjahren Jahren gibt, als hier die ersten Kosmonauten trainierten. Wer hier jenseits der offiziellen Touristenführungen hineinmöchte, braucht starke Fürsprecher, eine offizielle Einladung von Roskosmos oder Verwandte vor Ort. Früher war hier militärisches Sperrgebiet, und bis heute ist das Städtchen mit seinen 6000 Einwohnern für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Bewohner sind großteils ehemalige und aktive Kosmonauten mit ihren Familien und Verwandten sowie Mitarbeiter des Trainingszentrums.

2. Allein unter Helden

Den Gebäuden sieht man an, dass sie in die Jahre gekommen sind. Anfang der Sechzigerjahren Jahre wurde das Sternenstädtchen erbaut, Juri Gagarin war nicht nur der erste Mensch im Weltall, er war auch einer der ersten Bewohner der geheimen Stadt und der erste Kosmonaut, der in dem heute nach ihm benannten Trainingszentrum innerhalb der Stadt ausgebildet wurde. Und bis heute ist er der Held dieses Städtchens. Seine Statue ragt in den grauen Himmel, weit über die Köpfe der Menschen, die heute den gleichen Weg gehen wie er einst. In diese Richtung scheint auch seine Statue zu schreiten: von den Wohnblöcken ins Astronautentrainingszentrum. „Es ist, als wäre er noch heute unter uns“, sagt eine Passantin wehmütig. Der Stein-Gagarin geht sehr aufrecht, den linken Arm hinter dem Körper versteckt, in der Hand eine Blume. Die Legende sagt, die Blume sei für seine Frau, die bis heute in der einst gemeinsamen Wohnung wohnt und den Rücken ihres übergroßen Mannes beim Blick aus dem Fenster täglich sehen kann.

In jedem Gebäude begrüßt eine Gagarin-Statue, ein Porträt oder ein Mosaik die Besucher. Der Held schwebt über allem. Auch über Alexander Gerst, der jetzt auf dem Weg vom „Sojus“-Training zum Russischunterricht an Gagarins Flugzeug vor dem Trainingsgebäude vorbeihetzt und schwärmt: „Man kann hier den Geist der russischen Raumfahrt fühlen.“ Diese ganzen Statuen aber auch die alten Trainingsmodule der „Mir“ und des Raumgleiters „Buran“ inspirieren ihn, er schwärmt von der faszinierenden Trainingskulisse. Aber das Leben in Star City hat auch seine anstrengenden Seiten: Jeder Astronaut muss Russisch lernen, das sei mühsam, gibt Gerst zu.

Kurz darauf fläzt er sich wie ein müder Schüler im Stuhl, statt eines Heftes sein iPad vor sich, die Russischlehrerin steht ihm gegenüber mit einem Zeigestock vor einer Leinwand, sehr aufrecht mit leicht strengem Blick. Sie prüft sein Wissen über das neue automatische Andocksystem der „Sojus“, mit der Gerst 2018 ins All fliegen wird. Sie diskutieren über die richtigen Begriffe für Sauerstoffkartuschen und Steuerbefehle, und vor allem über die richtigen grammatikalischen Fälle, von denen es im Russischen sechs gibt anstatt vier wie im Deutschen. Die Sprache ist schwer, und Gerst muss auch hier für alle Eventualitäten die richtigen Worte finden, alle Notfälle im Schlaf durchdeklinieren können. Amtssprache in der „Sojus“-Kapsel ist schließlich Russisch, da gibt es keine Ausnahme.

Jahrelang geht das so. Jede Woche Russischunterricht, mindestens jeden zweiten Tag Sport, dreimal in der Woche Simulationstraining in der „Sojus“-Kapsel, Übungen in den verschiedenen ISS-Modulen. Vier Jahre dauert die Vorbereitung auf einen Weltraumflug. „Ich trainiere allein ein Jahr für die sechs Stunden im Raumschiff“, sagt Gerst. Dazu kommt Notfalltraining aller Art für Zwischenfälle auf der Raumstation selbst – von der Zahnoperation bis zum Umgang mit Feuer, Druckabfall oder dem Ausfall der Lebenserhaltungssysteme. Gerst pendelt zwischen Moskau, Houston und Köln, längst hat er einen Basissatz an Kleidung verdreifacht und ist überall und nirgendwo zu Hause. „Ich habe überall Freunde“, sagt er. Die Astronautenszene ist klein. Abends trifft er sich mit amerikanischen Kollegen auf ein Bier oder sitzt mit den russischen Veteranen in der Sauna. Bis heute leben einige Kosmonauten der ersten Generation im Sternenstädtchen.

Bevor es vor dem Start nach Baikonur in die Quarantäne geht, gibt es ein traditionelles Abschiedsfrühstück im Sternenstädtchen. Alexej Leonow, einer von Gagarins einstigen Gefährten, hat sich den jungen Raumfahrer vor dessen ersten Flug im Mai 2014 zur Brust genommen und gesagt, worauf es ankommt und wie er sich verhalten soll, falls ihm während des Starts übel wird. Gerst kennt die Geschichten nur zu gut, wie Leonow beim ersten Außenbordeinsatz der Menschheitsgeschichte 1965 beinahe nicht wieder zurück in sein Raumschiff gekommen wäre, weil sich sein Raumanzug im All aufgebläht hatte. Nur dank einer Idee, die allen Regeln widersprach, konnte dieser damals sein Leben retten: Er verringerte den Druck in seinem Raumanzug und brachte sich damit ebenfalls in Lebensgefahr. Das, zum Glück, hat er nicht so genau ausgeführt bei diesem Frühstück, die Sache mit der Übelkeit hat schon gereicht, um Gerst ein wenig nervös zu machen.

Am Ende seiner Zeit in Star City weiß Gerst jedenfalls genau, was passieren kann und was er tut. Er kennt jeden dieser unzähligen Knöpfe und Schalter des „Sojus“-Raumschiffs. Er kennt große Teile des Handbuchs auswendig, das so dick ist wie die Bibel in der Kirche und doppelt so groß und das die Crew dennoch jedes Mal gewissenhaft Seite für Seite durcharbeitet, bei jedem Training und beim echten Flug. Jeder einzelne Handgriff ist darin beschrieben. Wenn alles glattläuft, muss die Crew dieses System hauptsächlich überwachen. Das ist das Schwierigste, gibt Gerst zu, diese enorme Konzentration, permanent der Bodenstation zu berichten und dennoch sofort zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. „Wir haben nur wenige Sekunden, um das zu bemerken und zu reagieren.“

Ein Problem mit der Trägerrakete, ein Loch im Treibstofftank, ein Leck in der Sauerstoffversorgung: Für die meisten denkbaren Fehler gibt es einen Alternativplan, eine kleine Änderung der Routine. „Schwierig wird es, wenn mehrere Fehler gleichzeitig auftreten“, erklärt Gerst. Diese Situation kennt er nur zu gut aus dem Training. Dann muss er im Hinterkopf behalten, an welchem Punkt er von Routine A auf Routine B umgestiegen ist, und wie sich das noch zwei Stunden später auswirkt, wenn ein Teil der Reise in Routine C stattfand und die Crew am Ende wieder auf Routine A umschwenkt – die dann aber aufgrund der zuvor gewechselten Routine schon ihre Lücken hat. Und dann gibt es da noch diese Knöpfe, die er auf keinen Fall zum falschen Zeitpunkt drücken darf. Beispielsweise jener, der die Raumkapsel von der Rakete löst. „Du kannst mit einem Knopf eine Katastrophe auslösen“, sagt er, „im Raumschiff kannst du viele Fehler machen, wenn du überlastet bist.“

3. Angst ausschalten, Kopf einschalten

Diese Angst vor dem falschen Knopf kennt auch Alexander Lasutkin. Er ist 1997 zur russischen Raumstation Mir geflogen. Der heute 59-jährige Maschinenbauingenieur war insgesamt nur ein halbes Jahr seines Lebens im All, und das ist 20 Jahre her. Dennoch ist es das, was sein Leben definiert. Er wird für immer ein ehemaliger Kosmonaut bleiben und ein „Held der Russischen Föderation“. Auch wenn er sich wenig heldenhaft fühlt, heute nicht und schon gar nicht zu Beginn seiner Mission, wie er unverblümt zugibt: „Ich hatte schon Angst, als ich in der Station angekommen war. Ich hatte Angst, den falschen Knopf zu drücken, Angst, etwas kaputt zu machen.“

Und dann geschah einer der schlimmsten denkbaren Unfälle im Weltraum, in einer geschlossenen Kapsel, in der kein Luftaustausch möglich ist: Die „Mir“ brannte, schon wenige Tage nach Lasutkins Ankunft. Die Crew saß gerade zusammen bei einer Atmosphäre, so feierlich wie möglich in ihrem von Kabeln und Technik bestimmten Zuhause, es war der 23. Februar, der russische „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“. Die Kosmonauten hatten sogar Kaviar mitgebracht für diesen besonderen Anlass. Lasutkin wollte die Sauerstoffration erhöhen, da die Mir mit sechs Astronauten voll besetzt war – Lasutkins Crew war gerade angekommen, die Vorgängercrew noch nicht wieder zur Erde gestartet. Dabei bemerkte er das Feuer als Erster, das sich in der Nähe des Sauerstoffgenerators ausbreitete.

Er versuchte, den Sauerstoffbehälter herauszunehmen, der das Feuer schön mit Sauerstoff versorgt, aber das Feuer war schon zu groß. „Dann ging der Feueralarm los, die anderen kamen dazu, und ich sah den Schrecken in ihren Augen.“ Die Raumfahrer versuchen, das Feuer mit allen vorhandenen Feuerlöschern zu löschen, aber es breitet sich immer weiter aus. Überall ist dichter Rauch, die Astronauten können nicht weiter als eine Armlänge sehen. Der Rauch ist zu dicht um zu atmen, sie ziehen Sauerstoffmasken an. Lasutkin beginnt, die Evakuierung vorzubereiten. Aber das Raumschiff, mit dem die Crew zurück zur Erde fliegen will, ist ebenfalls voller Rauch, der Weg zum zweiten ist durch das Feuer versperrt. „Da hatte ich auf einmal große Angst“, gibt Lasutkin zu. „Es gab schließlich keine Fenster und keine Feuerwehr. Ich dachte: Wenn wir jetzt mit dem ganzen Rauch wegfliegen, werden wir alle sterben.“

Also kehrt er zurück und kämpft weiter gegen das Feuer, das schließlich wie durch ein Wunder doch noch kleiner wird. Als die Astronauten wieder sehen können, sehen sie vor allem Ruß: Die Station ist an vielen Stellen schwarz, viele Kabel sind verschmort, aber alle wichtigen Systeme laufen noch. Es dauert dennoch Tage, bis die Anlagen den Rauch aus der Luft gefiltert haben. „Es wäre doch schade gewesen um die Station, wenn wir sie verlassen hätten“, sagt Lasutkin heute nüchtern. Und es hatte auch sein Gutes: Lasutkins Angst war weg. „Ich dachte mir, wenn wir schon Feuer besiegt haben, dann können wir alles hinkriegen.

4. Die totale Sicherheit gibt es nicht

Auch Alexander Gerst erlebte bei seinem ersten Aufenthalt auf der ISS einen Brandfall. Ein Wassererhitzer im russischen Teil der Station war durchgebrannt. Die Crew bemerkte die kleinen Rauchwolken um das Gerät herum erst, als die Rauchmelder Alarm schlugen. Gerst gibt zu, dass ihm kurz ein Schreck in die Glieder fuhr. „In den ersten Minuten weiß man nicht, was los ist. Feuer in einem geschlossenen Raum ist eine sehr ernste Sache.“ Als er an die betreffende Stelle kam, war der Rauch aber bereits unter Kontrolle, ein richtiges Feuer sei gar nicht erst entstanden. „Wir haben sehr gut reagiert“, sagt Gerst. So, wie es der Plan vorsieht.

Während ein Brand in den Neunzigern noch zu einer lebensgefährlichen Situation geführt hat, ist ein solcher Vorfall für eine Crew 2014 kaum mehr der Rede wert. Dieses jahrelange Durchspielen aller Eventualitäten, die vielen Back-up-Pläne, die moderne Technik: Ist die Raumfahrt heute weniger gefährlich als früher? Wehren sich die heutigen jungen Raumfahrer vielleicht allein deshalb gegen den Heldenbegriff, weil der Flug seinen Schrecken verloren hat? „Gagarin und Co. sind auf einer fast ungetesteten Rakete gestartet“, sagt Gerst, „Wir haben heute mehr Sicherheitssysteme. Aber man hat nicht viel Platz zu stolpern.“ Man sollte sich nie vormachen, dass Raumfahrt sicher sei. Auch das sieht er sehr abgeklärt: Man müsse die Risiken genau einschätzen und sich im Klaren sein, was das Restrisiko ist. Und sich dann entscheiden, ob man es eingehen möchte: „Wir sind Entdecker, Raumfahrt ist kein Selbstzweck. Dafür lohnt es sich, ein gewisses Risiko einzugehen.“

Lasutkin sagt fast wörtlich das Gleiche. Auch er versteht sich als Entdecker: Die Erde von außen zu sehen und den Menschen davon zu berichten, das sei es wert. „Der Beruf ist routinemäßiger geworden“, ergänzt er, „aber was die tatsächliche Sicherheit angeht, so ist das kaum sicherer geworden.“

Seine neue Zuversicht nach dem Brand 1997 wird nur kurz darauf erneut auf eine harte Probe gestellt: Nur vier Monate später reißt der unbemannte Raumfrachter „Progress M 34“ bei einer Kollision ein Loch in ein Modul der „Mir“. Der Druck in der Station fällt sofort ab. Wenn die Crew das Loch nicht schnell stopft, werden alle ersticken. Lasutkin spürt den Druckverlust bereits, als die Systeme ihn anzeigen. Und wieder legt sich dieser Schalter in Lasutkins Kopf um: „Mein Kopf war in diesem Moment nur dafür da zu sehen, was meine Hände machen.“

Die Raumfahrer versuchen, den betroffenen Teil der Station vom Rest zu trennen. Dafür muss eine Luke geschlossen werden, aber zahlreiche Kabel blockieren diese. Lasutkin liest pflichtbewusst in der Bordanweisung nach: In so einem Fall sind die Kabel mit einem bestimmten Messer zu trennen. Auch der Ort ist verzeichnet, an dem dieses Messer zu finden sein soll. Lasutkin sucht, aber das Messer ist nicht da. Er findet ein kleineres Messer, nimmt es mit, aber scheitert. Die Kabel sind zu dick. Schließlich trennt er jedes einzelne Kabel von Hand an Steckverbindungen, die Zeit rennt. Der Kommandeur liest derweil die Werte vor, und Lasutkin hört, wie der Druck in der Kabine stetig fällt und zählt die Minuten hinab. „Ich habe im Kopf berechnet, wie viel Zeit uns noch bleibt, wie lange wir noch überleben.“ Er schafft es, die Luke zu schließen, aber der Schlüssel fehlt. Er findet einen Schlüssel, der nicht passt. Er fliegt wieder durch die Station und findet schließlich den richtigen. Die ganze Prozedur dauert 15 Minuten anstatt der 3, die im Bordbuch dafür vorgesehen sind. Lasutkin hält die Tür zu wie ein Besessener, er kann sie nicht wieder loslassen, auch nicht als sein Kommandeur sagt, dass der Druck wieder normalisiert ist. „Ich höre ihn und verstehe, dass der Druck nicht mehr fällt. Aber ich bin nicht bereit, die Tür loszulassen.“ Erst bei der dritten Ansage löst er sich von der Tür.

Die Crew war gerettet. Sie überstand in der Folge noch zwei Stromausfälle, während derer sie sich in das Raumschiff zurückziehen musste. Dabei begann die Station um sich selbst zu kreiseln. Lasutkin und seine Kollegen hielten sie auf Kurs, indem sie mit dem Raumschiff von außen dagegen arbeiteten. „Natürlich waren die Lebenserhaltungssysteme auch ausgefallen“, sagt Lasutkin heute lapidar. Natürlich. Nach dem Feuer konnte ihn nur noch wenig schrecken. Und nach der Erfahrung, dass man im Weltall völlig allein ist. Und das ist der große Unterschied zum Training auf der Erde: „Da waren immer die Ausbilder dabei und die haben uns gesagt, das machst du richtig oder das machst du falsch“, sagt er, „aber oben auf der Station habe ich begriffen: Hier kann mir keiner helfen.“

Mit diesem ganzen Training und modernster Technik werde in der Raumfahrt alles dafür getan, dass keiner stirbt. „Aber manchmal stirbt doch einer.“ Wie jeweils sieben Astronauten, die 1986 und 2003 bei Explosionen der US-Raumfähren „Challenger“ und „Columbia“ starben oder 1971, als drei Kosmonauten in einem „Sojus“-Raumschiff erstickten oder 1967, als sich der Fallschirm bei der ersten bemannten „Sojus“-Mission bei der Landung nicht öffnete. Lasutkin kann alle Raumfahrtkatastrophen mit Datum und allen Beteiligten aus dem Kopf herunterrattern. „Man hat diese Gedanken vor dem Start schon im Kopf, aber nicht so, dass sie im Vordergrund sind.“

5. Harter Ritt durch die Atmosphäre

Alexander Lasutkin ist traurig, als er nach einem halben Jahr zurück zur Erde soll. Bis zu seinem letzten Tag auf der „Mir“, dem 14. August 1997, hofft er auf ein Wunder, darauf, dass sie ihn bitten, doch noch länger zu bleiben. „Ich hatte mich gerade daran gewöhnt und diese Station als etwas Lebendiges wahrgenommen, ich wusste endlich, was sich wo befindet.“ Am Ende steht nur noch der harte Ritt Richtung Erde bevor. Schweren Herzens steigt er ins Raumschiff. Er weiß noch nicht, dass er nie wieder fliegen wird. Als das Raumschiff nach einigen Stunden Flug mit einer Geschwindigkeit von mehreren Tausend Kilometern pro Stunde in die Erdatmosphäre eintritt, einer der heikelsten Momente einer Mission, spürt Lasutkin die enorme Wucht, mit der es von den dickeren Luftschichten abgebremst wird. Sie pressen ihn in seinen Sitz und nehmen ihm den Atem. „Es war ein ungewöhnliches Gefühl, aber ich hatte keine Angst.“ Dann schwebt er die letzten Meter am Fallschirm auf die Erde. „Als ich wieder auf der Erde stand, da hatte ich urplötzlich das Gefühl, jetzt bin ich von keinem Druckverlust mehr bedroht. Ich musste feststellen: Im Geiste hatte ich keine Angst, aber die Seele hatte Angst. Ich habe gespürt, dass die innere Anspannung weg war.“

Diese letzten Meter stehen nun auch Alexander Gerst bevor. Zusammengekauert wie ein Embryo im Mutterleib liegt er in der Landekapsel der „Sojus“, neben ihm Anton Schkaplerow. Vor vier Stunden hat das Raumschiff von der Internationalen Raumstation abgedockt, die Raumfahrer tragen Raumanzüge mit eigener Belüftung, sie können sich kaum bewegen. Sie haben sich ihre Notizblöcke ans Knie geklettet, Schkaplerow hat einen langen Stab, mit dem er die Knöpfe drückt, die er in der Enge nicht erreichen kann. Die beiden schauen konzentriert auf die Bildschirme, die in viele kleine Kästchen aufgeteilt sind und wegen ihrer Retrografik an das Spiel Minesweeper erinnern.

Das Raumschiff hat ein Loch im Treibstofftank und eines im Sauerstofftank, ein Drucksensor hat fälschlicherweise ausgelöst und den Druck beinahe auf null verringert – ein tödliches Vakuum wäre fast entstanden, und auch sonst gab es einige Probleme. Die Raumfahrer haben auf verschiedene Back-up-Strategien zurückgreifen müssen, um den Flug bis hierhin zu überleben – und jetzt am Ende kommt es darauf an, das alles im Kopf zu haben, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Knöpfe zu drücken. Vertun sie sich hier um wenige Sekunden, landen sie nicht wie geplant in der kasachischen Steppe, wo schon die Rettungskräfte bereitstehen, sondern womöglich irgendwo im Pazifik oder in Aleppo – Orte jedenfalls, an denen man lieber nicht landen will.

Die „Sojus“ tritt in die Atmosphäre ein, wo sie sich in drei Teile teilt, das Instrumentenmodul fliegt weg – nur die Landekapsel mit ihrem Hitzeschild übersteht die Hitze des Plasmas von mehreren Tausend Grad Celsius, die durch die Reibung mit den Luftschichten entstehen. Gerst und Schkaplerow müssen bis zu 20 verschiedene Parameter gleichzeitig im Auge behalten und innerhalb von Sekunden entscheiden, wie sie reagieren. Das Raumschiff bewegt sich mit acht Kilometern pro Sekunde – wer zehn Sekunden zögert, ist bereits 80 Kilometer weiter. Aber sie zögern kein einziges Mal zu lange. Die letzten Meter schweben sie an einem Fallschirm zur Erde, sie liegen da in ihrer Kapsel, die Hände gefaltet, die Augen fast geschlossen – es wirkt fast, als würden sie schlafen. Die Erde hat sie wieder.

Während Alexander Gerst in der Trainingshalle im Sternenstädtchen verschwitzt aus der Kapsel steigt mit dem guten Gefühl, seinem nächsten Flug wieder einen kleinen Schritt näher gekommen und gegen viele weitere Notfälle gewappnet zu sein, steht Alexander Lasutkin ein wenig verloren im Kosmonautenmuseum neben der „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ in Moskau. Um ihn herum die engen Landekapseln der ersten Raumfahrer, historische und aktuelle Raumanzüge, nachgebaute Teile der Raumstation „Mir“. „Ich wollte immer gern zum Mond“ , sagt er und schaut etwas wehmütig auf den Mondrover, der aussieht wie ein vierbeiniger Roboter mit riesigem Kugelkopf. „Aber das hat ja nicht geklappt.“ Als die Amerikaner mit der Mondlandung 1969 den Wettlauf zum Mond gewonnen hatten, wurde das bis dato streng geheime Mondprogramm der Sowjetunion eingestellt.

Was ist Alexander Lasutkin geblieben? Die Auszeichnung „Held der Russischen Förderation“. Aber die ärgert ihn die meiste Zeit, vor allem die Tatsache, wie seine Mitmenschen mit den Helden umgehen. Er beschreibt, wie er einen Termin bei einem Beamten bekommen möchte und dessen Sekretärin ihn ignoriert. Erst als sie von seiner Heldenauszeichnung hört, ist sie auf einmal äußerst zuvorkommend, bietet ihm einen Stuhl und einen Kaffee an. „Wie kann es sein, dass ich als Mensch nur einen Fußtritt wert bin, als Held aber das Recht auf einen Kaffee habe?“, fragt er und klingt bitter dabei. „Und was heißt schon Held? Ich habe nur meine Arbeit gemacht.“